Wer besitzt wirklich das meiste Gold: die USA – oder doch China? Neue Einschätzungen von Goldman Sachs bringen eine Frage zurück auf die Tagesordnung, die den Goldmarkt schon lange beschäftigt: Wie viel Gold kauft die chinesische Zentralbank tatsächlich, und wie viel davon wird offiziell gemeldet?
Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um verdeckte Goldkäufe, Chinas Abkehr von US-Staatsanleihen, die Rolle des US-Dollars und die Frage, warum Gold für Staaten weltweit immer wichtiger wird. Die Zahlen zeigen: China könnte am Goldmarkt eine deutlich größere Rolle spielen, als die offiziellen Statistiken vermuten lassen.
Goldman Sachs blickt hinter die offiziellen Zahlen
Goldman Sachs hat sich den Handel am Londoner OTC-Markt genauer angesehen. Über diesen Markt läuft ein großer Teil des physischen Goldhandels zwischen Zentralbanken und großen Institutionen.
Die Schätzung der Goldman-Analysten für den Monat Mai ist bemerkenswert: China soll dort mehr als 48 Tonnen Gold gekauft haben. Offiziell gemeldet wurden für denselben Monat allerdings nur zehn Tonnen.
Das bedeutet: China hätte im Mai fast fünfmal so viel Gold gekauft, wie offiziell angegeben wurde. Und dieser Monat scheint kein Einzelfall zu sein.
Offiziell 40 Tonnen – tatsächlich deutlich mehr?
Für das laufende Jahr 2026 hat die chinesische Notenbank bisher offiziell 40 Tonnen zusätzliches Gold gemeldet. Allein im Juni waren es 15 Tonnen – der größte offizielle Monatskauf seit mehr als zwei Jahren.
Goldman Sachs rechnet jedoch mit zwei möglichen Szenarien. Im vorsichtigeren Fall, also mit einem Faktor von zwei, käme China bereits auf rund 80 Tonnen zusätzlich gekauftes Gold in diesem Jahr. Überträgt man jedoch den Faktor aus den Mai-Daten, könnten es sogar 192 Tonnen sein.
Zusätzlich nutzt Goldman ein eigenes Prognosemodell, das verdeckte Goldkäufe laufend schätzen soll. Dieses Modell kommt laut Video aktuell auf durchschnittlich rund 67 Tonnen Gold pro Monat, wenn man die letzten drei Monate saisonbereinigt betrachtet. Das wäre eine völlig andere Größenordnung als jene, die aus den offiziellen Meldungen hervorgeht.
Die Vermutung ist nicht neu
So neu ist die Idee verdeckter Goldkäufe nicht. Schon im Vorjahr hat der Researcher Jan Nieuwenhuijs verfügbare Daten analysiert und kam zu dem Schluss, dass die chinesische Notenbank im Jahr 2024 heimlich rund 570 Tonnen Gold gekauft haben könnte. Offiziell gemeldet wurden damals nur 41 Tonnen.
Diese Analyse passt zu dem Bild, das Goldman Sachs nun zeichnet: Seit Beginn des Ukraine-Kriegs soll China Berichten zufolge etwa fünfmal so viel Gold kaufen, wie es dem Internationalen Währungsfonds meldet.
Nieuwenhuijs kam außerdem zu der Einschätzung, dass China über mehr als 5.000 Tonnen monetäres Gold verfügen könnte. Das wäre mehr als doppelt so viel, wie offiziell ausgewiesen wird.
Auch große Medien greifen das Thema inzwischen auf. Die Financial Times berichtete im November des Vorjahres, dass Chinas nicht gemeldete Goldkäufe möglicherweise mehr als das Zehnfache der offiziellen Zahlen betragen könnten. Der dahinterstehende Gedanke: China macht sich Schritt für Schritt unabhängiger vom US-Dollar.
China verkauft US-Schulden und kauft Gold
Warum könnte China so vorgehen? Ein Blick auf die Entwicklung der chinesischen Reserven liefert eine klare Spur.
Im Juni 2011 waren noch 29 Prozent der chinesischen Devisenreserven in US-Staatsanleihen angelegt. Bis November 2025 ist dieser Anteil auf nur noch 7,3 Prozent gefallen. Auch in absoluten Zahlen ist der Rückgang deutlich: China hat mittlerweile US-Staatsanleihen im Wert von rund 663 Milliarden US-Dollar abgestoßen und hält aktuell nur noch etwa 659 Milliarden US-Dollar. Das ist der niedrigste Stand seit 2008.
Gleichzeitig steigen die Goldreserven deutlich. Die chinesische Notenbank hat 17 Monate in Folge Gold zugekauft. Der Wert der Reserven liegt bei rund 303 Milliarden US-Dollar und damit auf einem neuen Rekordniveau.
Das Muster ist klar: China reduziert die Abhängigkeit von amerikanischen Schulden und baut Goldreserven auf.
Wird China die USA bei den Goldreserven überholen?
Laut einer Analyse von BMO Capital Markets könnte China bereits heute für rund ein Drittel der weltweiten Goldnachfrage verantwortlich sein. Außerdem hält die Bank es für möglich, dass China die USA bei den offiziellen Goldreserven innerhalb der nächsten fünf Jahre überholt.
Ob das tatsächlich passiert, hängt auch davon ab, wie viel Gold China bereits besitzt, aber noch nicht offiziell ausweist. Genau hier liegt der spannende Punkt: Sollte China eines Tages größere Bestände offiziell melden, könnte sich das Bild der globalen Goldreserven schlagartig verändern.
Ein ähnliches Muster gab es bereits in der Vergangenheit. Im Jahr 2015 verkündete China plötzlich, dass die offiziellen Reserven um 604 Tonnen gestiegen seien – von 1.054 auf 1.658 Tonnen. Solche Sprünge zeigen, dass China seine Goldbestände nicht immer laufend und vollständig offenlegt.
Wie kann ein Staat Goldbestände verstecken?
Der Analyst Jim Rickards erklärte bereits vor über zehn Jahren, wie eine solche Informationspolitik funktionieren könnte. Demnach hält China möglicherweise einen Teil seiner Goldbestände nicht direkt bei der Notenbank, sondern über eine separate Behörde: die State Administration for Foreign Exchange, kurz SAFE.
Von dort könnten monatlich kleinere Mengen an die Notenbank übertragen werden. Nur diese offiziellen Übertragungen erscheinen dann als gemeldeter Zuwachs in den Reserven.
Das wäre kein klassisches Geheimversteck, sondern eine bürokratische Trennung. Sie erlaubt es China, selbst zu steuern, wie viel vom tatsächlichen Goldbestand öffentlich sichtbar wird – und zu welchem Zeitpunkt.
Zentralbanken bauen Goldreserven aus
Goldman Sachs sieht Chinas Verhalten nicht als isolierten Einzelfall, sondern als Teil eines größeren Trends. Weltweit bauen Zentralbanken ihre Goldreserven aus, weil sie sich unabhängiger vom US-Dollar und von klassischen Anleihemärkten machen wollen.
Diese Nachfrage der Notenbanken ist einer der Hauptgründe, warum für Ende 2026 Goldpreisprognosen von rund 5.000 US-Dollar pro Feinunze im Raum stehen. Auch wenn der Goldpreis kurzfristig durch eine strengere US-Notenbankpolitik unter Druck geraten kann, wirken die anhaltenden Käufe der Zentralbanken wie ein stabilisierender Faktor.
Das bedeutet nicht, dass Gold nicht schwanken kann. Es zeigt aber, wer derzeit zu den großen langfristigen Käufern am Markt gehört: nicht nur private Anlegerinnen und Anleger, sondern vor allem Staaten.
Private Anleger sind noch zurückhaltend
Ein weiterer Punkt macht die Lage besonders interessant: Private Anlegerinnen und Anleger sind laut Goldman Sachs derzeit im Verhältnis noch relativ wenig in Gold investiert.
Sollten geopolitische Spannungen weiter zunehmen oder das Vertrauen in Währungen und Anleihemärkte weiter sinken, könnten auch private Investoren stärker in den Goldmarkt zurückkehren. Dann würde die ohnehin starke Nachfrage der Zentralbanken um eine zusätzliche Käufergruppe ergänzt.
Für den Goldpreis könnte das langfristig relevant sein – vor allem dann, wenn die verfügbaren physischen Bestände knapper werden und Staaten weiter strategisch zukaufen.
Gold als politisches Fundament
Die entscheidende Botschaft lautet: Gold ist längst nicht mehr nur ein Anlageprodukt. Für Staaten wie China wird es zunehmend zu einem politischen und strategischen Fundament.
Wer Gold hält, reduziert die Abhängigkeit von anderen Währungen, insbesondere vom US-Dollar. Wer gleichzeitig US-Staatsanleihen abbaut und Goldreserven erhöht, setzt ein klares Signal: Vertrauen soll stärker in physischem Metall als in Schuldtiteln liegen.
Diese Entwicklung verändert die Rolle von Gold im globalen Finanzsystem. Gold wird nicht nur als Preisboden gesehen, sondern als Teil einer neuen Ordnung, in der Staaten ihre Reserven breiter aufstellen und unabhängiger werden wollen.
Fazit: Chinas Goldstrategie könnte größer sein, als offiziell bekannt ist
Die neuen Zahlen von Goldman Sachs werfen ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die schon länger vermutet wird: China kauft offenbar deutlich mehr Gold, als offiziell gemeldet wird. Ob es doppelt so viel, fünfmal so viel oder sogar noch mehr ist, lässt sich nicht exakt sagen. Klar ist aber: Die offiziellen Zahlen könnten nur einen Teil der tatsächlichen Käufe zeigen.
Gleichzeitig verkauft China US-Staatsanleihen, baut Goldreserven auf und stärkt seine finanzielle Unabhängigkeit. Damit ist Gold nicht nur ein Investment, sondern ein geopolitisches Werkzeug.
Für Anlegerinnen und Anleger ist diese Entwicklung wichtig, weil sie zeigt, wer den Goldmarkt langfristig stützt. Wenn Zentralbanken und Staaten weiter kaufen, während private Investoren noch zurückhaltend sind, könnte das langfristig ein starkes Signal für Gold sein.