Nach einer schwierigen ersten Jahreshälfte melden sich die Gold-Bullen zurück. Im August konnte Gold deutlich zulegen – und das ausgerechnet in einem Umfeld, in dem die USA immer stärker unter Druck geraten. Sinkende Anleiherenditen, ein schwächerer Dollar, wachsende Zweifel an der US-Schuldenpolitik und neue Signale aus China geben dem Edelmetall wieder Auftrieb.
Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um die Frage, warum Gold wieder steigt, welche Rolle die US-Regierung dabei spielt und weshalb das Vertrauen in den Dollar zunehmend bröckelt. Außerdem zeigt das Video, warum Zentralbanken, Händler und internationale Finanzakteure wieder stärker auf Gold setzen.
Gold legt im August kräftig zu
Nach den harten Monaten seit dem Ende der Rallye im Jänner war der August eine spürbare Erleichterung für den Goldmarkt. Mehr als 14 Prozent Plus im Monatsverlauf zeigen: Die Stimmung hat sich gedreht, und die Bullen haben wieder das Ruder übernommen.
Der Auslöser kam zunächst aus dem Nahen Osten. Gute Nachrichten rund um die Straße von Hormus sorgten Anfang August für Entspannung. Wieder einmal hieß es, eine Einigung sei in Sicht. Diesmal reagierten die Märkte jedoch deutlicher: Der Ölpreis fiel, Inflationssorgen nahmen ab und damit sank auch die Angst vor weiteren Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed.
Für Gold war das ein wichtiger Impuls. Denn wenn der Inflationsdruck abnimmt und die Zinserwartungen sinken, wird das zinslose Edelmetall wieder attraktiver.
Warum Gold von Entspannung profitiert
Auf den ersten Blick wirkt es ungewöhnlich: Ein Krieg entspannt sich – und Gold steigt. Früher galt Gold vor allem als Krisenmetall, das von Unsicherheit profitiert. Doch die aktuelle Marktlogik ist komplexer.
In den vergangenen Monaten waren nicht nur geopolitische Risiken entscheidend, sondern vor allem die Folgen für Ölpreise, Inflation und Zinsen. Wenn Konflikte die Energiepreise nach oben treiben, steigt die Inflation. Dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed die Zinsen weiter anhebt oder länger hoch hält. Genau das belastet Gold.
Wenn sich die Lage rund um wichtige Handelsrouten wie die Straße von Hormus entspannt, fällt der Ölpreis. Die Inflationssorgen lassen nach, die Zinserwartungen sinken – und Gold bekommt Rückenwind.
Die USA greifen in den Anleihemarkt ein
Der zweite große Impuls kam aus Washington. US-Finanzminister Scott Bessent kündigte an, dass die Regierung mehr US-Staatsanleihen zurückkaufen will. Hintergrund sind die gestiegenen Renditen am Anleihemarkt.
Diese Renditen sind unter anderem deshalb gestiegen, weil das Interesse an US-Staatsanleihen nachlässt. Zentralbanken stoßen Dollar-Bestände ab, große KI-Unternehmen geben eigene Unternehmensanleihen aus und werden damit zu Konkurrenten am Kapitalmarkt. Gleichzeitig herrscht Unsicherheit darüber, was vom neuen Fed-Chef zu erwarten ist.
Für die USA sind hohe Renditen ein Problem. Sie machen den Schuldendienst teurer. Genau deshalb wollte Washington offenbar Druck aus dem Markt nehmen. Kurzfristig funktionierte das: Die Renditen sanken, der Dollar gab nach und Gold erhielt den nächsten Schub.
Warum der Plan nur kurzfristig wirkte
Die Intervention sorgte zwar für eine starke erste Reaktion, löste das Grundproblem aber nicht. Viele Anlegerinnen und Anleger verstanden rasch, dass hier nicht die Ursache bekämpft wurde, sondern nur ein Symptom.
Ein Analyst brachte es sinngemäß auf den Punkt: Bessent habe auf der Titanic nur die Liegestühle umgestellt. Gemeint ist: Die USA haben versucht, den Markt kurzfristig zu beruhigen, ohne das eigentliche Schuldenproblem zu lösen.
Nach wenigen Tagen lagen die Renditen wieder dort, wo die Regierung sie eigentlich nicht haben wollte. Geblieben ist vor allem ein schlechter Eindruck – und der Eindruck, dass der US-Anleihemarkt zunehmend politische Unterstützung braucht.
Der Dollar verliert an Vertrauen
Genau an diesem Punkt wird es für Gold besonders interessant. Der Reiz von US-Staatsanleihen und damit auch des US-Dollars beruhte lange auf Stabilität. Der Markt galt als tief, liquide, berechenbar und frei von Überraschungen.
Wenn aber der US-Finanzminister eingreifen muss, um die eigenen Anleihen zu stützen, schrillen bei vielen Marktteilnehmern die Alarmglocken. Die Sorge: Der Markt reguliert sich nicht mehr selbst, sondern wird zunehmend von politischen Entscheidungen abhängig.
Das schwächt das Vertrauen in den Dollar. Und je mehr Vertrauen in Fiatwährungen verloren geht, desto stärker rückt Gold als Alternative in den Fokus.
Die US-Schulden als Knackpunkt
Besonders symbolträchtig: Am selben Tag, an dem Bessent seine Intervention ankündigte, überschritten die US-Schulden erstmals die Marke von 40 Billionen US-Dollar. Vor neun Jahren, im Jahr 2017, waren sie nur halb so hoch. Die Schulden der USA haben sich also innerhalb von neun Jahren verdoppelt.
Der US-Finanzminister sieht darin zwar kein unlösbares Problem und verweist darauf, dass die Wirtschaft aus der Schuldenlast herauswachsen könne. Doch dafür müsste gleichzeitig die Ausgabenseite unter Kontrolle gebracht werden.
Genau danach sieht es derzeit nicht aus. Für 2027 wünschen sich der Präsident und das Verteidigungsministerium ein Rekordbudget von 1,5 Billionen US-Dollar. Das wären 40 Prozent mehr als 2026 und der größte Sprung seit dem Zweiten Weltkrieg. Dazu kommen Zinszahlungen auf die Staatsschulden von rund 1 Billion US-Dollar pro Jahr.
Warum Gold von der Schuldenkrise profitiert
Die steigenden US-Schulden sind einer der zentralen Gründe, warum Gold wieder stärker in den Fokus rückt. Wenn die internationale Gemeinschaft sieht, dass der Dollar und der US-Anleihemarkt zunehmend unter Druck geraten, wächst die Suche nach Alternativen.
Genau hier kommt Gold ins Spiel. Es ist kein Schuldtitel, keine Währung, die beliebig ausgeweitet werden kann, und kein Versprechen einer Regierung. Gold ist physisch begrenzt und wird deshalb gerade in Zeiten wachsender Schulden und sinkenden Vertrauens wieder attraktiver.
Die vergangenen Monate waren für Gold zwar schwierig, doch die strukturellen Argumente sind nicht verschwunden. Im Gegenteil: Die aktuelle Entwicklung in den USA verstärkt viele davon.
Zentralbanken setzen weiter auf Gold
Zentralbanken bauen ihre Goldbestände seit Jahren aus und reduzieren gleichzeitig ihre Abhängigkeit vom Dollar. Auch China bleibt dabei ein wichtiger Akteur. Laut Video hat China seit Jahresbeginn 865 Tonnen Gold importiert – 90 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Diese Entwicklung passt in ein größeres Bild: Viele Staaten wollen unabhängiger vom US-Dollar werden. Gold dient dabei als strategischer Vermögensanker und als Alternative zu US-Staatsanleihen.
Wenn Zentralbanken weiter Gold kaufen, stützt das nicht nur die Nachfrage, sondern sendet auch ein politisches Signal: Das Vertrauen in den Dollar ist nicht mehr selbstverständlich.
Händler werden wieder optimistischer
Auch am Terminmarkt dreht die Stimmung. Der Commitment of Traders Report zeigt, ob Händler an der COMEX insgesamt stärker auf steigende oder fallende Kurse setzen. Aktuell schlägt die Positionierung klar auf die Long-Seite aus.
Derzeit werden mehr als 140.000 Long-Kontrakte gehalten. So viele waren es seit dem vergangenen September nicht mehr – also seit einer Phase, in der Gold mitten in der Rallye und großer Euphorie stand.
Das zeigt: Gold ist plötzlich wieder "in". Nicht nur Zentralbanken kaufen, auch Händler rechnen wieder stärker mit steigenden Preisen.
Der Renminbi gewinnt an Bedeutung
Parallel dazu verliert der Dollar an einer weiteren Front an Einfluss. Die Deutsche Bank wurde zur ersten Renminbi-Clearing-Bank für Europa ernannt. Dadurch können Transaktionen mit China künftig schneller und einfacher abgewickelt werden.
Der Asien-CEO der Deutschen Bank sieht darin ein Signal für die Internationalisierung des Renminbi. Genau das ist für den Dollar relevant: Wenn der chinesische Renminbi im internationalen Handel an Bedeutung gewinnt, geschieht das zulasten der bisherigen Dominanz des US-Dollars.
Auch diese Entwicklung passt zum größeren Trend: Die Welt sucht Alternativen zum Dollar. Gold und der Renminbi spielen dabei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Rollen.
Gold als Antwort auf Vertrauensverlust
Ole Hansen, Rohstoffstratege der Saxo Bank, brachte es im Video mit einem Satz auf den Punkt: «Gold is a shortage of trust.» Gemeint ist: Gold steigt nicht nur, weil Anlegerinnen und Anleger Rendite suchen, sondern weil Vertrauen fehlt – Vertrauen in Fiatwährungen, in politische Stabilität und vor allem in den US-Dollar.
Auch der Analyst Otavio Costa griff diese Idee auf und forderte die USA sinngemäß dazu auf, Gold zu kaufen, wenn sie ihren Anleihemarkt wieder in den Griff bekommen wollen.
Ob Washington darauf hört, bleibt offen. Klar ist aber: Gold steht wieder im Zentrum einer größeren Debatte über Schulden, Währungen und Vertrauen.
Fazit: Die Bullen sind zurück
Der August hat gezeigt, dass Gold wieder Kraft gesammelt hat. Ein Plus von mehr als 14 Prozent nach den schwierigen Monaten seit Jänner ist ein starkes Signal. Auslöser waren sinkende Ölpreise, nachlassende Inflationssorgen, fallende Renditen, ein schwächerer Dollar und wachsendes Misstrauen gegenüber der US-Schuldenpolitik.
Besonders wichtig ist jedoch das größere Bild: Die USA kämpfen mit explodierenden Schulden, der Dollar verliert Vertrauen, Zentralbanken kaufen weiter Gold und internationale Akteure suchen nach Alternativen zum bestehenden Finanzsystem.
Gold profitiert genau von diesem Umfeld. Es ist nicht nur ein Rohstoff oder Anlageprodukt, sondern zunehmend ein Vertrauensanker in einer Welt, in der die Stabilität des Dollars nicht mehr selbstverständlich ist.