zum Hauptinhalt springen
Zurück

philoro FAKTENCHECK: Silber Einbruch

Silber unter Druck: Ist die Rallye schon vorbei?

21. Oktober 2026

Silber hat seit seinem Rekord Ende Jänner rund die Hälfte seines Werts wieder abgegeben. Im Jahresvergleich bleibt zwar noch ein Plus von etwa zehn Prozent, doch die jüngste Entwicklung zeigt einmal mehr, wie stark der Silberpreis schwanken kann.

Ist die große Silber-Rallye damit schon vorbei? Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um die Gründe für den Einbruch, das viel zitierte Angebotsdefizit und die Frage, wer den nächsten Aufschwung auslösen könnte: die Industrie, Anleger oder vielleicht sogar Zentralbanken.

Silber verliert deutlich stärker als Gold?

Die vergangenen Monate waren für Silber turbulent. Vom Rekord Ende Jänner hat der Preis rund 50 Prozent verloren. Zum Vergleich: Bei Gold lag der Rückgang im selben Zeitraum bei etwa 25 Prozent. Damit zeigt sich erneut die hohe Volatilität von Silber.

Die vorangegangene Rekordrallye wurde zunächst von Versorgungsengpässen getragen. Später kamen zunehmend spekulative Käufer hinzu, die auf den steigenden Markt aufsprangen. Inzwischen ist diese Euphorie weitgehend verschwunden – und der Markt sucht nach einem neuen Gleichgewicht.

Starker Dollar und höhere Renditen belasten

Zwei Faktoren finden sich derzeit in nahezu jeder Analyse zum Silbermarkt: höhere Anleiherenditen und ein stärkerer US-Dollar. Steigende Renditen machen verzinste Anlagen attraktiver und setzen Edelmetalle unter Druck. Gleichzeitig verteuert ein starker Dollar Silber für Käufer außerhalb des Dollarraums. Doch beim Silber kommt noch etwas hinzu: Das Metall ist deutlich stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig als Gold.

Silber als Spiegel der Konjunktur

Stefan Gleason von Money Metals Exchange sieht in der aktuellen Silberschwäche auch ein Signal für größere wirtschaftliche Risiken. Silber ist nicht nur Edelmetall, sondern ein wichtiger Industrierohstoff. Schwächere Wachstumsaussichten können deshalb direkter auf die Nachfrage durchschlagen. Steigende Energiepreise belasten Unternehmen und Verbraucher zusätzlich. Wenn Investitionen zurückgehen und die Industrie vorsichtiger wird, kann auch der Bedarf an Silber sinken.

Inflation belastet private Käufer

Dana Samuelson von American Gold Exchange verweist auf einen weiteren Faktor: die hohe Inflation. Wenn Lebensmittel, Energie und Wohnen immer teurer werden, bleibt weniger Geld für andere Anschaffungen übrig. Edelmetalle gehören für viele private Käufer zu jenen Dingen, die man besitzen möchte, aber nicht zwingend benötigt.

Damit entsteht ein scheinbarer Widerspruch: Inflation kann Silber langfristig als Wertspeicher attraktiver machen, kurzfristig aber gleichzeitig die Kaufkraft potenzieller Käufer schwächen.

Trendfolger verstärken die Abwärtsbewegung

Auch technische Handelsstrategien können den Rückgang verschärfen. Sebastian Hell verweist darauf, dass sogenannte Trendfolger bei fallenden Kursen zusätzliche Verkaufspositionen aufbauen können. Sie reagieren auf die bestehende Marktbewegung und verstärken sie dadurch. Gerade bei Silber können solche Bewegungen besonders heftig ausfallen.

Der große Unterschied zu Gold: die Zentralbanken

Gold hat einen Käufer, den Silber bislang kaum kennt: Zentralbanken. Sie haben die Goldnachfrage in den vergangenen Jahren durch regelmäßige Käufe gestützt und damit einen vergleichsweise stabilen Boden unter dem Markt geschaffen.

Robert Minter von Aberdeen Investments sieht genau dieses fehlende Fundament als Schwäche des Silbermarktes. Silber hängt stärker von Industrie und Investoren ab – und deren Nachfrage kann deutlich sprunghafter reagieren. Dabei galt eigentlich ein anderer Faktor als stabiler Boden: das anhaltende Angebotsdefizit.

Das sechste Defizitjahr in Folge

Das Silver Institute erwartet auch für 2026 erneut ein Defizit am Silbermarkt. Rund 46,3 Millionen Unzen sollen fehlen, nach etwa 40 Millionen Unzen im Jahr davor. Damit wäre es bereits das sechste Jahr in Folge, in dem die Nachfrage das Angebot übersteigt. Eigentlich müsste diese strukturelle Knappheit den Silberpreis unterstützen. Doch selbst bei diesem Punkt gehen die Einschätzungen inzwischen weit auseinander.

Bleibt Silber dauerhaft knapp?

Michael DiRienzo vom Silver Institute geht davon aus, dass die Angebotsdefizite noch länger bestehen bleiben. Es fehlen größere neue Silberentdeckungen, während erneuerbare Energien weiterhin große Mengen des Metalls benötigen. Für ihn bleibt die Knappheit deshalb ein wichtiger langfristiger Faktor.

Matthew Piggott von Metals Focus sieht hingegen ein völlig anderes Szenario: Aus dem Defizit könnte in den kommenden Jahren sogar ein Überschuss werden. Der Grund dafür liegt vor allem in der Solarindustrie.

Solarhersteller brauchen weniger Silber

Silber ist für die Photovoltaik ein wichtiger Rohstoff. Der hohe Preis hat Hersteller jedoch dazu gebracht, intensiv nach Möglichkeiten zu suchen, den Silberverbrauch pro Modul zu reduzieren oder das Metall teilweise zu ersetzen. Diese Entwicklung schreitet inzwischen deutlich voran.

Piggott erwartet deshalb, dass die Produktion von Solarmodulen zwar weiter steigt, der gesamte Silberverbrauch der Branche trotzdem zurückgehen könnte. Auch zusätzliche Nachfrage durch Elektromobilität und Rechenzentren könnte diesen Effekt seiner Ansicht nach nicht vollständig kompensieren. Sollte diese Einschätzung stimmen, würde sich einer der bisher stärksten Treiber der Silbernachfrage abschwächen.

Muss die nächste Rallye von Anlegern kommen?

Dann könnten Investoren die entscheidende Rolle übernehmen. Piggott geht davon aus, dass für eine neue größere Rallye wieder deutlich mehr Kapital in Silber-ETFs fließen müsste. Diese Fonds würden physisches Silber aufnehmen und damit dem Markt Metall entziehen. Für 2027 erwartet er zunächst allerdings nur ein moderates Plus. Andere Marktteilnehmer sind deutlich optimistischer.

Prognosen von 44 bis 125 US-Dollar

Auf der jüngsten LBMA-Konferenz wurden Teilnehmer nach ihrer Einschätzung zum Silberpreis gefragt. Im Durchschnitt lag die Prognose für ein Jahr bei rund 95 US-Dollar. Viele der Befragten erwarten, dass Elektromobilität und KI-Infrastruktur die Nachfrage langfristig hoch halten.

Die Bandbreite der Antworten zeigt allerdings, wie unsicher der Markt ist: Die Schätzungen reichten von 44 bis 125 US-Dollar. Das macht deutlich, dass auch Einschätzungen von Branchenexperten keine Gewissheiten sind. Gerade bei Silber können sich Rahmenbedingungen und Marktstimmung sehr schnell verändern.

Werden Zentralbanken jetzt auch zu Silberkäufern?

Besonders interessant ist eine Entwicklung, die bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Russland und Saudi-Arabien haben begonnen, neben Gold auch Silber in ihre Reserven aufzunehmen. Noch sind diese Käufe zu klein, um den Markt grundlegend zu verändern. Sie könnten aber ein erstes Anzeichen für einen neuen Trend sein.

Sprott Asset Management verweist darauf, dass einige Argumente, die Gold seit Jahren unterstützen, zunehmend auch auf Silber übertragen werden: Inflationsschutz, Sorgen vor Währungsabwertung und die Suche nach realen Vermögenswerten.

Ein anderer Boden als bei der letzten Rallye

Sollten strategische Silberkäufe tatsächlich zunehmen, würde sich die Geschichte des Marktes verändern. Die vergangene Rallye basierte stark auf Engpässen und spekulativem Momentum. Solche Faktoren können Preise schnell nach oben treiben – aber ebenso schnell verschwinden. Regelmäßige institutionelle oder staatliche Käufe wären dagegen weniger spektakulär, könnten dafür aber langfristiger wirken. Ob daraus tatsächlich ein neuer Boden entsteht, ist derzeit noch offen.

Fazit: Silber steht an einem Wendepunkt

Der aktuelle Rückgang hat viele Gründe: höhere Anleiherenditen, ein stärkerer Sollar, konjunkturelle Unsicherheit, schwächere Kaufkraft und trendfolgende Verkäufe. Gleichzeitig ist die fundamentale Lage keineswegs eindeutig. Das Silver Institute erwartet ein strukturelles Defizit. Andere Experten rechnen dagegen damit, dass der technologische Fortschritt den industriellen Silberverbrauch so stark reduziert, dass mittelfristig sogar ein Überschuss entstehen könnte.

Damit könnte die nächste große Bewegung stärker von Anlegern als von der Industrie abhängen. Und mit den ersten staatlichen Silberkäufen kommt möglicherweise ein ganz neuer Faktor hinzu.