Interview zur Goldheimholung

Interview zur Goldheimholung 02.05.2016

Die Goldheimholung geht viel zu langsam und ist nicht transparent."

Mit der im Jahr 2011 gegründeten Initiative "Holt unser Gold heim!" setzte Peter Boehringer einen Präzedenzfall im Kampf um Transparenz bei dem Thema Staatsgold. Seine Bemühungen fanden international vielfache Beachtung und wurden global nachgeahmt. Im philoro Interview erklärt uns Peter Boehringer, wieso es so wichtig ist, staatliche Goldreserven nach Deutschland zurückzuholen. Er klärt auch über Missstände wie mangelnde Transparenz und Langsamkeit bei der Goldrückholung seitens der Deutschen Bundesbank auf.

philoro: Mit rund 3.384 Tonnen besitzt Deutschland den zweitgrößten Goldschatz der Welt. Ein großer Teil davon ist im Ausland eingelagert. Wie kam es dazu?

Boehringer: Es ist von vornherein wichtig zu betonen, dass es sich um Nachkriegsgold handelt. Das Gold stammt konkret aus der Zeit des sogenannten Bretton-Woods-Systems, und wurde zwischen 1951 und 1967 von der Bundesbank akkumuliert. Hierbei handelt es sich um ein Gold-/Devisensystem, in dem die deutschen Exporteure und deren Banken ihre, meist in Dollar anfallenden, Exportüberschüsse bei der Bundesbank eingereicht haben. Dieses Geld wurde nach Amerika zurückgeschickt und zum damaligen Fixkurs von 35 Dollar pro Unze in Gold umgewandelt.

philoro: So ist also das Gold auf die Bilanz der Bundesbank gelangt?

Boehringer: Genau. Der damalige Bundesbankpräsident Karl Blessing hat 1967 jedoch noch vor dem Ende des offiziellen Gold-Devisen-Standards dieser Praxis einen Riegel vorgeschoben. Seitdem akkumuliert die Deutsche Bundesbank kein Gold mehr, sondern Dollar, Anleihen und heutzutage vor allem Target2-Forderungen. Im Jahre 1968 hatten wir 4.000 Tonnen, durch diverse Abflüsse sind es heute noch knapp 3.400 Tonnen, welche lange Jahrzehnte praktisch komplett im Ausland eingelagert waren.

philoro: Wieso wurde dieses Gold nicht gleich nach Deutschland überführt?

Boehringer: Von 1968 bis 1990, in Zeiten des Kalten Krieges, gab es militärische Gründe dafür, dass die Goldreserven im Ausland blieben. Namentlich waren sie in London, Paris und in New York untergebracht. Ab 1990 wurde die Lagerung im Ausland von zahlreichen Personen wie z. B. Dr. Bruno Bandulet, Dimitri Speck und David Marsh nach und nach hinterfragt. Da diese aber keine Fortschritte erzielen konnten, haben wir, die Deutsche Edelmetallgesellschaft und der Europäische Steuerzahlerbund, im Jahr 2011 eine öffentliche Initiative gestartet, dieses Gold heimzuholen.

philoro: Diese Bürgerinitiative haben Sie mitgegründet. Der Name ist Programm: „Holt unser Gold heim“. Welche Bedeutung hat das physisch existierende Staatsgold?

Boehringer: Es ist so wichtig, weil dieses Gold im Wert von derzeit etwa 100 Milliarden Euro, bei etwa 800 bis 900 Milliarden Euro Gesamtvolumen der Bundesbankbilanz, die einzige substantielle Position ist. Diese Position ist die einzige ohne Gegenparteienrisiko. Alle anderen sind Anleihen, Devisenreserven und Target2-Forderungen, die meiner Meinung nach uneinbringlich sind. Das sind letztendlich alles riskante Forderungspositionen oder reine Luftbuchungen gegen das europäische System der Zentralbanken. Sollte der Euro eines Tages Geschichte sein, sind die Target-Forderungen wertlos. Dabei reden wir von mehr als 600 Milliarden Euro, also zwei Drittel der Bundesbankbilanz, die uneinbringlich wären. Auch Anleihen, Dollarreserven und andere Reserven sind letzten Endes gefährdet, weil sie nur Papierforderungen sind. Diese Position ist, auch von der Bundesbank unbestritten, die letzte, die ultimative, die eiserne bzw. eben die goldene Währungsreserve.

philoro: Warum ist es so wichtig, das Gold nach Deutschland zu holen?

Boehringer: Sollte eines Tages in irgendeiner Weise ein europäischer oder globaler Währungszusammenbruch geschehen oder sonstige ernsthafte Turbulenzen auftreten, dann wird dieses Gold benötigt, um eine neue, deutsche Währung teilzudecken. Das ist die Motivation dahinter. Diese letzte Währungsreserve ergibt natürlich nur Sinn, wenn sie ohne Gegenparteirisiko, also physisch, bei uns vorhanden ist. Deshalb die dringende Forderung, die wir bereits seit sechs Jahren erheben: „Holt das Gold heim“.

philoro: Sie haben mit dieser Initiative darauf hingewirkt, dass 2015  eine Liste mit allen im Ausland gelagerten Goldbarren inklusive Feinheitsgrad und Barrennummer veröffentlicht wurde. Allerdings gibt es trotzdem noch Stimmen, die behaupten, dass es dieses Gold überhaupt nicht mehr gibt, dass es physisch nicht, beziehungsweise nicht mehr, in vollem Maße vorhanden ist. Was glauben Sie, wie der Stand der Dinge ist?

Boehringer: Eine Barrenliste war tatsächlich eine unserer ersten und ältesten Forderungen, bestehend seit den ersten Kontakten mit der Bundesbank im Jahr 2011. Diese Forderung ist eigentlich gar nicht von uns, es gab sie vorher schon. Eigentlich wäre es absolut üblich und problemlos möglich, diese Listen zu veröffentlichen.

Die Bundesbank hat uns gegenüber schon 2011 zugegeben, dass es Barrenlisten gibt, hat sie aber aus „Sicherheitsbedenken“ nicht veröffentlicht. Das war nicht nachvollziehbar. Es kam 2013 und 2014 ganz offiziell zu einer sogenannten Einschmelzung von Barren, die angeblich aus den USA heimgeholt wurden. Das waren nur geringe Tonnagen, aber selbst diese Barren durften wir nie sehen und es gab keine Video- oder Fotobeweise. Es existierten auch keine Barrennummern der umgeschmolzenen Barren, die aus den 1960er Jahren stammen sollten und die seit damals unangetastet bei der New York FED hätten liegen müssen. Wie haben dann Protest angemeldet und es gab massiven öffentlichen Druck auf die Bundesbank, sowohl von nationaler, wie auch von internationaler Seite, die Listen zu veröffentlichen. Tatsächlich hat die Bundesbank nun Ende 2015 Listen veröffentlicht.

philoro: Und ist Ihre Forderung damit erfüllt? Die erwähnten Listen umfassen immerhin 2.300 Seiten mit über 200.000 Barrennummern.

Boehringer: Diese Listen haben leider nicht die geringste Belegkraft, weil die Bundesbank nur sogenannte "Inventarnummern" veröffentlicht hat, anstelle der auf den Barren physisch eingestanzten Nummern. Diese wären in Verbindung mit der Angabe des Herstellers und des Prägedatums eindeutig und nachvollziehbar. Auf diese Weise könnte auch eine mögliche Doppelerfassung auf anderen Listen ausgeschlossen werden. Letztendlich wurden die Barrennummern anonymisiert: Entweder abgekürzt, so dass sie nicht mehr erkennbar sind, oder es wurden rein künstlich erschaffene Nummern der Bundesbank veröffentlicht, die nicht die geringste Beweiskraft haben.

philoro: Einschmelzungen, anonymisierte Barrennummen, ... Weshalb solche Umwege?

Boehringer: Ich vermute persönlich schon lange, dass uns die Barren in den 1950er und 60er Jahren nicht physisch zugegangen sind, sondern auf Basis des Bretton-Woods-Systems in New York nur als Buchgold gutgeschrieben wurden. Jetzt wird es vielleicht wirklich langsam peu à peu zu uns expediert. Ein gutes Drittel ist mittlerweile in Deutschland, etwa 41 Prozent nach Angaben der Bundesbank. Meiner Meinung nach ist es erst jetzt tatsächlich physisch vorhanden. Und selbst das ist leider nicht belegt, weil keine Audits, also Prüfungen in den Tresoren hierzulande, erfolgen. Heimholung und Transparenz sind seit 2012 sensationell, was einerseits zwar eine zufriedenstellende Entwicklung ist. Aber es ist eben noch immer nicht ausreichend.

philoro: Das wäre auch eine mögliche Erklärung, warum die Barren, die zurückgekommen sind, eingeschmolzen wurden. Eigentlich gibt es dafür doch überhaupt keinen Grund, oder?

Boehringer: Wir haben damals keinen echten Grund erkennen können. Bei der Heimholung im Jahr 2015 hat die Bundesbank nichts von einer Einschmelzung verlauten lassen. In den Jahren 2013 und 2014 wurde jedoch offiziell von Einschmelzungen aus Reinheitsgründen berichtet. Es wurde behauptet, dies wäre notwendig, um den London Good Delivery Standard, also die volle Reinheit und andere LGD-Konformität, herzustellen.

Man kann an verschiedenen Punkten feststellen, dass diese Erklärung nicht wirklich glaubhaft war. Zumal man es ja hätte belegen können: Man hätte die Nummern veröffentlichen, den Prozess filmen oder auch mit Fotos dokumentieren können. Doch davon ist nichts geschehen. Es gibt noch nicht einmal eine Liste der neu gegossenen Barren. Dabei wäre es für die Bundesbank ganz einfach gewesen, die Zweifel zu zerstreuen. Auch international fiel das auf, was der Bundesbank eher noch mehr Misstrauen einbrachte. Aber es gibt Fortschritte, ich will mich nicht beklagen. Immerhin sind allein im Jahr 2015 210 Tonnen Gold nach Deutschland zurückgekommen. Das ist ein relativ hohes Tempo für Bundesbankverhältnisse.

philoro: Wie viele Unterstützer hat denn die Initiative inzwischen? Werden es immer noch mehr oder stagniert der Zulauf?

Boehringer: Wie immer bei solchen Initiativen ist der Run am Anfang am größten. Es ging aber doch relativ lange aufwärts. Wenn die Bundesbank eine neue unglaubwürdige Meldung gebracht hat, hatten wir jedes Mal wieder merklichen Zulauf. Wir haben mittlerweile über 17.000 Unterstützer, die mit ihrem vollen Namen dahinter stehen. Es ist in Deutschland sehr schwierig, die Leute dazu zu bringen, öffentlich einsehbar mit ihrem vollen Namen solche Aktivitäten zu unterstützen. Wir aber haben es geschafft.

philoro: Wie haben denn die Medien Ihre Bestrebungen aufgefasst?

Boehringer: Entscheidend war von Anfang an die internationale Unterstützung. Die deutsche Presse hat über zwei Jahre versucht, uns zu boykottieren und hat unsere Initiative lange ignoriert. Die internationale Presse jedoch hat unser Projekt von Anfang aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Unsere Forderung, das Gold heimzuholen und zu auditieren, wurde als völlig nachvollziehbar angesehen. Zu Anfang gab es deshalb viel mehr Interviews im internationalen Bereich. Mehr und mehr nahmen uns aber auch die Medien in Deutschland ernst. Die Bundesbank reagierte dann – wobei offiziell natürlich nicht wegen unserer Initiative. Seit 2013 sind immerhin einige Fortschritte erkennbar. Das ist jetzt auch gar nicht als Vorwurf an die Bundesbank gedacht. Unserer Initiative geht der gesamte Prozess allerdings noch nicht schnell bzw. transparent genug.

philoro: Was sind denn die nächsten Ziele und weitere Schritte die forciert werden?

Boehringer: Die drei von Anfang an formulierten Ziele sind Audits, komplette Heimholung und bilanzieller Sonderstatus des angesprochenen Goldes.

Die Audits, also externe unabhängige Buchprüfungen an allen Lagerorten sind im Ausland allerdings sehr schwierig durchzusetzen.

Deshalb ist unsere zweite Hauptforderung die vollständige Heimholung. Es gibt keinen Grund, Gold im Ausland zu belassen. Die Bundesbank selbst hat sich ein Ziel von 50 Prozent gesetzt, will also nur 1700 Tonnen nach Deutschland holen. Von diesem (viel zu niedrigen) Ziel ist sie gar nicht mehr so weit entfernt. Es befinden sich bereits 1400 Tonnen Gold in Deutschland. Wir wollen allerdings auf jeden Fall 100 Prozent des Goldes in Frankfurt haben und es komplett transparent anhand veröffentlichter Barrennummern auditiert sehen. Diese müssen endlich extern offengelegt werden, was momentan überhaupt nicht der Fall ist. Im Gegenteil, die Bundesbank inszeniert, suggeriert und weist regelmäßig auf eine scheinbare Transparenz hin. Diese ist allerdings nicht gegeben. So werden zum Beispiel maximal zwei Prozent ihrer Lagerorte tatsächlich mit Videobeweis offengelegt. An diese zwei Prozent glaube ich auch. Von 1400 Tonnen sind wir allerdings noch weit entfernt, geschweige denn von den vollen 100 Prozent.

philoro: Und die dritte Forderung?

Boehringer: Die dritte und letzte Forderung war von Anfang an eine Verhinderung der Ausbuchung dieses Hortes aus der Bundesbankbilanz. Denn nach wie vor bestehen bei einer Bilanz, die zu mehr als 70 % aus riskanten Papierforderungen besteht, die erwähnten Gefahren. Insbesondere bei den Target2-Forderungen haben wir Sorge vor einer Ausbuchung in Höhe von mehr als 600 Milliarden Euro. Diese Sorge hatte ich schon vor fünf Jahren und ich habe sie immer noch.

Unsere drei Hauptforderungen sind damit zusammengefasst: Audits, komplette Heimholung und bilanzieller Sonderstatus dieses Goldes, damit wir es auch wirklich sicher für den Bundeshaushalt haben.

philoro: Herr Boehringer, vielen Dank für das Interview.

Durch das Interview führte Johannes Rüf,
Junior Trader bei philoro EDELMETALLE

Zur Person:peter-boerhringer.jpg

Peter Boehringer ist Gründungsvorstand der Deutschen Edelmetall-Gesellschaft und seit 2003 einer der meistgelesenen Autoren der deutschsprachigen Goldszene. Er ist viel beachteter Referent und Verfasser hunderter Fachaufsätze zu Edelmetallen, zum Euro und Geldsystem und anderen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Themen. Boehringer ist Träger der Roland Baader- Auszeichnung und Mitglied der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft.

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